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Alemannische Gedichte von Johann Peter Hebel

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Johann Peter Hebel (1760 - 1826) ist einer der bekanntesten Dichter des Schwarzwaldes. Neben seinen Kalendergeschichten machte er sich einen Namen durch seine Schwarzwälder Gedichte. Seinen dichterischen Ruhm begründete Hebel mit den in den Jahren 1799-1802 in Karlsruhe entstandenen "Alemannischen Gedichten", die er 1803 anonym veröffentlichte. Mitunter ist es ihm zu verdanken, daß die althergebrachte Mundart des Südwestens Deutschlands bis heute greifbar ist. Hebel war zu Recht stolz, daß er der alemannischen Mundart als Überlebenshelfer gedient und diese in der Dichtung etabliert hatte. Er wollte mit den Gedichten seine Sehnsucht nach der schwarzwälder ländlichen Heimat zur Geltung bringen. Martin Heidegger lobte seine Werke: "Die deutsche Schriftsprache, in der Hebels Betrachtungen und Erzählungen sprechen, ist die einfachste, hellste, zugleich bezauberndste und besinnlichste die je geschrieben wurde". Ernst Bloch meinte, daß es eine Sprache sei, "die nach Bauernbrot und Landluft schmeckt".


Der Winter

Isch echt do obe Bauwele feil?
Sie schütten eim e redli Theil
in d'Gärten aben un ufs Hus;
es schneit doch au, es isch e Gruus;
und's hangt no menge Wage voll
am Himmel obe, merki wohl.

Und wo ne Ma vo witem lauft,
so het er vo der Bauwele gchauft;
er treit si uf der Achsle no,
und uffem Hut, und lauft dervo.
Was laufsch denn so, du närsche Ma?
De wirsch sie doch nit gstohle ha?

Und Gärten ab, und Gärten uf,
hen alli Scheie Chäpli uf.
Sie stöhn wie großi Here do;
sie meine 's heigs sust niemes so.
Der Nußbaum het doch au si Sach
und 's Here Hus und 's Chilche-Dach.

Und wo me luegt, isch Schnee und Schnee,
me sieht ke Stroß un Fueß-Weg meh.
Meng Soome-Chörnli, chlei un zart,
lit unterm Bode wohl verwahrt;
und schnei's, so lang es schneie mag,
es wartet uf si Ostertag.

Meng Summer-Vögli schöner Art
lit unterm Bode wohl verwahrt;
es het kei Chummer un kei Chlag
und wartet uf si Ostertag;
un gangs au lang, er chunnt emol,
un sieder schlofts, und 's isch em wohl.

Doch wenn im Frühlig 's Schwälmli singt
und d'Sunne-Wärmi abe dringt,
potz tausig, wacht's in iedem Grab,
und streift si Todte-Hemdli ab.
Wo nummen au ne Löchli isch,
schlieft 's Leben use, jung und frisch. -

Do fliegt e hungrig Spätzli her!
e Brösli Brod wär si Begehr.
Es luegt ein so erbärmli a;
's het sieder nechte nüt meh gha.
Gell, Bürstli, sell isch anderi Zit,
wenn 's Chorn in alle Fuhre lit?

Do hesch ! Loß andern au dervo!
Bisch hungerig, chasch wieder cho! -
's muß wohr sy, wie's e Sprüchli git:
"Sie seihe nit, und ernde nit;
sie hen kei Pflug, und hen kei Joch,
und Gott im Himmel nährt si doch."



Der Sommerabend

O, lueg doch, wie isch d'Sunn so müed,
lueg, wie si d'Heimeth abezieht!
O lueg, wie Strahl um Strahl verglimmt,
un wie sie's Fazenetli nimmt,
e Wülkli, blau mit rot vermüscht,
und wie sie an der Stirne wüscht !

's isch wohr, sie het au übel Zit,
im Sumrner gar, der Weg isch wit,
und Arbet findt sie überal,
in Hus und Feld, in Berg und Thal;
's will alles Liecht und Wärmi ha
und spricht sie um e Segen a.

Meng Blümli het sie usstaffiert,
und mit scharmante Farbe ziert,
un mengem Immli z'trinke ge
und gseit: Hesch gnug und witt no rneh?
Und's Chäferli het hinte no
doch au si Tröpfli übercho.

Meng Some-Chöpfli het sie gesprengt,
und's zitig Sömli use g'lengt.
Hen d'Vögel nit bis z'allerlezt
e Bettles gha, und d'Schnäbel g'wetzt?
Und kein goht hungerig ins Bett,
wo nit si Theil im Chröpfli het.

Und wo am Baum e Chriesi lacht,
se het si'm rothi Bäckli gmacht;
und wo im Feld en Aehri schwankt,
und wo am Pfohl e Rebe rankt,
se het sie eben abe glengt
und het's mit Laub und Bluest umhengt.

Und uf der Bleichi het sie gschafft
hütie und ie us aller Chraft.
Der Bleicher het si selber g'freut,
doch hätt er nit: Vergelts Gott! gseit.
Un het e Frau ne Wöschli gha,
se het sie trochnet druf un dra.

's isch weger wohr, und überal,
wo d'Sägesen im ganze Thal
dur Gras und Halme gangen isch,
se het si g'heuet froh und frisch.
Es isch e Sach, by miner Treu,
am Morge Gras und z'Obe Heu!

Drum isch sie iez so sölli müed
und bruucht zum Schlof kei Obe-Lied;
ke Wunder, wenn sie schnuuft und schwitzt.
Lueg, wie sie dört uf's Bergli sitzt!
Iez lächlet sie zum lezte mol.
Jez seit sie: Schlofet alli wohl!

Und d'unten isch si! Bhüt di Gott!
Der Guhl, wo uffem Chilchthurn stoht,
het no nit gnug, er bschaut si no.
Du Wundervitz, was gafsch denn so?
Was gilts, sie thut der bald derfür,
und zieht e rothen Umhang für!

Si duuret ein, die guti Frau,
sie het ihr redli Hus-Chrütz au.
Sie lebt gwiß mittem Ma nit gut,
un chunnt sie heim, nimmt er si Hut;
und was i sag: iez chunnt er bald,
dört sitzt er scho im Fohre-Wald.

Er macht so lang, was tribt er echt?
Me meint schier gar, er traut nit recht.
Chumm numme, sie isch nümme do,
's wird alles sy, se schloft sie scho.
Jez stoht er uf, und luegt ins Thal,
und's Möhnli grüeßt en überal.

Denkwohl, mer göhn iez au ins Bett,
und wer kei Dorn im G'wisse het,
der bruucht zum Schlofen au kei Lied;
me wird vom Schaffe selber müed;
und öbbe hemmer Schöchli gmacht,
drum gebis Gott e guti Nacht!



Der Schwarzwälder im Breisgau

Z'Müllen an der Post,
Tausigsappermost !
Trinkt me nit e guete Wi !
Goht er nit wie Baumöl i,
z'Müllen - z'Müllen -
z'Müllen an der Post !

Z'Bürglen uf der Höh,
nei, was cha me seh !
O, wie wechsle Berg und Thal,
Land und Wasser überal,
z'Bürglen - z'Bürglen -
z'Bürglen uf der Höh !

Z'Staufen uffem Märt
hen sie, was me gert:
Tanz und Wi und Lustberkait,
was eim numme 's Herz erfreut,
z'Staufen - z'Stauf en -
z'Stauf en uffem Märt !

Z'Friburg in der Stadt,
sufer ischs und glatt;
richi Here, Geld und Guet,
Jumpfere wie Milch und Bluet,
z'Friburg - z'Friburg -
z'Friburg in der Stadt.

Woni gang und stand,
wärs e lustig Land.
Aber zeig mer, was de witt,
numme näumis findi nit
in dem - in dem -
in dem schöne Land.

Minen Augen gfallt
Herischried im Wald.
Woni gang, se denki dra ;
's chunnt mer nit uf d'Gegnig a,
z'Herisch - z'Herisch -
z'Herischried im Wald.

Imme chleine Huus
wandlet i und us,
gelt, de meinsch, i sag der, wer ?
's isch e Sie, es isch kei Er,
imme - imme -
imme chleine Huus.


Das Hexlein

Un woni uffem Schnidstuehl sitz
für Basseltang, und Liechtspöhn schnitz,
se chunnt e Hexli wohlgimuet
un frogt no frey: "Haut's Messer guet?"

Un seit mer frey no Guete Tag!
Un woni lueg, un woni sag:
" 's chönnt besser goh, und Große Dank!"
se wird mer's Herz uf eimol chrank.

Un uf, un furt enanderno;
un woni lueg, ischs nümme do,
un woni rüef:"Du Hexli he!"
so git's mer scho kei Antwort meh.

Un sieder schmeckt mer's Esse nit;
stell umme, was de hesch und witt,
und wenn en anders schlofe cha,
se höri alli Stunde schla.

Und was i schaff, das g'rothet nit;
und alli Schritt und alli Tritt,
se chunnt mim Sinn das Hexli für,
und was i schwetz, isch hinterfür.

's isch wohr, es het e Gsichtli gha,
's verluegti si en Engel dra,
und's seit mit so 'me freie Muet,
so lieb und süeß: "Haut's Messer guet?"

Un leider hani's ghört und gseh,
un sellemools un nümme meh.
Dört ischs an Hag und Hurst verbey
und witers über Stock und Stei.

Wer spöchtet mer mi Hexli us,
wer zeigt mer siner Muetter Hus?
I lauf no, was i laufe cha,
wer weiß, se triffi's doch no a!

I lauf no alli Dörfer us,
i suech und frog vo Hus zu Hus,
un würd mer nit mi Hexli chund,
se würdi ebe nümme g'sund.


Der Wegweiser

Weisch, wo der Weg zum Mehlfaß isch,
zum volle Faß? Im Morgeroth
mit Pflug und Charst dur's Weizefeld,
bis Stern und Stern am Himmel stoht.

Me hackt, so lang der Tag eim hilft,
me lueg nit um, und blibt nit stoh;
druf goht der Weg dur's Schüre-Tenn
der Chuchi zue, do hemmer's io!

Weisch, wo der Weg zum Gulden isch?
Er goht de rothe Chrüzere no,
und wer nit uffe Chrüzer luegt,
der wird zum Gulde schwerli cho.

Wo isch der Weg zur Sunntig-Freud?
Gang ohni Gfohr im Werchtig no
dur d`'Werkstatt und dur's Ackerfeld
der Sunntig wird scho selber cho.

Am Samstig isch er nümme wit.
Was deckt er echt im Chörbli zue?
Denkwohl e Pfündli Fleisch ins Gmües,
's cha sy, ne Schöpli Wi derzu.

Weisch, wo der Weg in d' Armeth goht?
Lueg numme, wo Tafere sin!
Gang nit verbey, 's isch gute Wi,
's sin nagelneui Charte d'inn!

Im letste Wirtshuus hangt e Sack,
und wenn de furt gohsch, henk en a!
"Du alte Lump, wie stoht der nit
der Bettelsack so zierlig a!"

Es isch e hölze Gschirli drinn,
gib achtig druf, verlier mer's nit,
und wenn de zue me Wasser chunnsch
und trinke magsch, se schöpf dermit!

Wo isch der Weg zu Fried und Ehr,
der Weg zum guten Alter echt?
Grad fürsi goht's in Mäßigkeit
mit stillem Sinn in Pflicht und Recht.

Und wenn de amme Chrützweg stohsch,
und nümme weisch, wo's ane goht,
halt still, und frog di Gwisse z'erst,
's cha dütsch, Gottlob, und folg si'm Roth.

Wo mag der Weg zum Chilchhof sy?
Was frogsch no lang? Gang, wo de witt!
Zum stille Grab im chüele Grund
führt jede Weg, und 's fehlt si nit.

Doch wandle du in Gottis-Furcht!
i roth der, was i rothe cha.
Sel Plätzli het e gheimi Thür,
und 's sin no Sachen ehne dra.



Der Bettler

"En alte Maa, en arme Maa,
er sprichtich um e Wohltat a!
E Stückli Brod ab euem Tisch,
wenns eue guete Willen isch!
He io, dur Gotts Wille!

In Sturm und Wetter, arm und bloß,
gibore bini uf der Stroß,
und uf der Stroß in Sturm und Wind
erzogen, arm, e Bettelchind.
Druf woni chräftig worde bi,
und d'Eltere sin gstorbe gsi,
se hani denkt: Saldate-Tod
isch besser, weder Bettelbrod.
I ha in schwarzer Wetternacht
vor Laudons Zelt und Fahne gwacht,
i bi bym Paschal Paoli
in Corsika Draguner gsi,
und gfochte hani, wie ne Ma
un Bluet an Gurt und Säbel gha.
I bi vor menger Batterie,
i bi in zwenzig Schlachte gsi,
und ha mit Treu und Tapferkeit
dur Schwerdt un Chugle 's Lebe treit.
Z'letscht hen si mi mit lahmem Arm
ins Elend gschickt. Daß Gott erbarm!
He io, dur Gotts Wille! "

"Chumm, arme Ma!
I gunn der's, wienis selber ha.
Un helf der Gott us diner Noth,
und tröst di, bis es besser goht."

"Vergelts der Her, und dankder Gott,
du zarten Engel, wiiß und roth;
un geb der Gott e brave Ma! -
Was luegsch mi so biwegli a?
Hesch öbben au e Schatz im Zelt,
mit Schwert und Roß im wite Feld?
Biwahr di Gott vor Weh und Leid
und geb dim Schatz e sicher Gleit
und bring der bald e gsunde Ma!
's goht ziemli scharf vor Mantua.
's cha sy, i chönnt der Meldig ge. -
Was luegsch mi a, und wirsch wie Schnee?
Denkwol i henk mi Bettelgwand
mi falsche graue Bart an d'Wand?
Jetz bschau mi recht, und chennsch mi no?
Geb Gott, i seig Gottwilche do!"

"Her Jesis, der Friedli, mi Friedli isch do!
Gottwilche, Gottwilche, wohl chenni di no!
Wohl het mi bigleitet di liebligi Gstalt,
uf duftige Matten, im schattige Wald.
Wohl het di bigleitet my b'chümmeret Herz
dur Schwerdter und Chugle mit Hoffnig un Schmerz,
und briegget un betet. Gott het mer willfahrt,
und het mer mi Friedli und het mer en gspart.
Wie chlopfts mer im Buese, wie bini so froh!
O Muetter, chumm weidli, mi Friedli isch do!"


 

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